16 Juni 2022

Bitte nicht stören

Als ich im Oktober letzten Jahres eine digitale Entgiftung angefangen habe, da nannte ich es noch Entsozialmedialisierung.

8 Monate später ist es mehr geworden. Ich habe Webseiten, die ich aus der Routine heraus geöffnet habe, mir aber nicht guttaten, einfach auf die Sperrliste gesetzt. Sei es unser lokales Clickbait Blatt express.de oder auch Bild.de. Auch Google Discover und co.

Dass insbesondere Bild nicht gut für mich ist, merkte ich erst, als ich eine Weile aus deren Strudel war. Gestern schickte mir ein Freund einen Artikel daraus und ich musste dafür erst mal die Seite entsperren. Dann las ich den Artikel und klicke mich dann von Artikel zu Artikel. Da merkte ich erst, wo ich seit Monaten nur noch sachliche News lese, wie hetzerisch, meinungsbildend und verhasst dort geschrieben wird. Die gleichen Nachrichten wie überall nur völlig uminterpretiert und suggeriert!

Widerlich. Ich habe die Seite gleich wieder blockiert, obwohl ich da fast von allein nicht mehr draufgehe. Es ist nicht so, dass ich dem Internet abgeschworen hätte. Ich besuche Foren für Themen, die mich interessieren. Tausche mich dort aus. Die gibt es sogar noch, außerhalb der Sozialmedia Gruppenwelt.

Ich nutze Feedly, um mir Fachnews zu Themen von Webseiten und Blogs zu holen. Aber dann, wenn ich Lust und Zeit dazu habe. Wie „früher“, wo man noch den PC hochgefahren hat und sich bewusst für eine feste Zeit davor gesetzt hat. Und nicht nebenbei immer in der Hand.

Was mich noch mehr freut, ist die Erkenntnis, dass ich ohne diese fremdgesteuerte Blase klarkomme. Das ich die Sucht nach mobiler unbewusster Unterhaltung und Informationen überwunden habe. Nicht rückfällig geworden bin oder in etwas anderes reingesteigert habe.

Gestern habe ich eine Freundin besucht, welche ich seit über 5 Jahren nicht mehr gesehen habe. Sie kam eine halbe Stunde zu spät. Ich habe mich vor der Türe auf meinen Roller gesetzt und die Ruhe der Umgebung genossen. Die Bäume, die Sonne, das Rauschen. Ich hatte nicht mehr den Drang, das Handy herauszuholen. Nicht die Langeweile und auch nicht die Sucht. 30 Minuten vergingen wie im Flug. Ohne etwas zu tun.

Jetzt, wo ich einmal aus der Matrix bin, nehme ich aber immer mehr wahr, was mit Smartphone Zombies gemeint ist. Wenn Mitmenschen innerhalb weniger Sekunden Pause sofort zu ihrer Blase greifen. Ich der einzige in der Straßenbahn bin, der kein Handy in der Hand hat.

So, jetzt kommen wir aber mal zum eigentlichen Grund für diesen Beitrag 🙂

Vor drei Wochen habe ich auf meinem Handy den „Nicht stören“ Modus aktiviert. Dauerhaft. Mich erreicht nur direkt meine Frau und mein bester Freund. Alle anderen sind stumm. Egal, ob Anruf oder WhatsApp.

Uiiiii…. Das war auch etwas, was ich erst mal lernen musste. Nicht mehr jederzeit sofort erreichbar zu sein. Es war ein guter und wichtiger Schritt für mich. Lernen, dass es nicht schlimm ist, nicht erreichbar zu sein. Und sich dafür auch nicht reflexartig zu entschuldigen. Sich einfach mal auf die schönen Dinge des Lebens zu konzentrieren, ohne unterbrochen zu werden. Und dann zurückmelden, wenn man sich die Zeit auch dafür nimmt.

Ich habe dazu die Tage mal einen schönen Satz gelesen.

Ich hatte dazu auf meinem Smartphone aus Achtsamkeitsgründen kein E-Mail-Postfach eingerichtet. Ich wollte nicht alle zwanzig Minuten nachschauen, ob Post da war. Um mich entweder darüber aufzuregen, dass keine da war, oder darüber, mit welchen Belanglosigkeiten ich immer belästigt wurde. Kein Mensch wäre vor zwanzig Jahren auf den Gedanken gekommen, alle zwanzig Minuten an den Briefkasten zu gehen, um nach der Post zu schauen. Der Briefträger kam einmal am Tag. Das reichte völlig aus.

Das Kind in mir will achtsam morden: Roman
Buch von Karsten Dusse

Noch sehe ich das nicht so drastisch, aber ich bin auch mal Stunden nicht erreichbar, erst wenn ich wieder aus Handy schaue. Weder per Telefon, E-Mail noch Whatsapp. Nur wer zweimal innerhalb von 15 Minuten anruft, kommt durch.

Mit den Nachrichten sehe ich das auch so. 1~2 mal am Tag reicht. Ein kurzes Update über die Hauptschlagzeilen.

Das entspannt mich. Nicht gleich, aber jeden Tag ein Stück mehr. Es macht meine Welt schöner und hilft auch unheimlich in der Entspanntheit zu meinen Kindern.

Ich kann es nur empfehlen, mal aus diesen Hamsterrad auszutreten.

30 Oktober 2021

Geduld – Teil 1

Zurzeit mache ich einen kleinen Wandel durch, seit ich angefangen habe mich zu Entsozialmedialisieren.
Eigentlich habe ich nur ein paar Apps deinstalliert, aber es kommen dadurch immer mehr Selbsterkenntnisse Baustellen auf, an denen ich arbeite.

Eine Baustelle ist das Thema Geduld, welche mir völlig verloren gegangen ist.

Diese Woche habe ich ein tolles Etappenziel – mit und bei meiner Tochter – erreicht.
Aber um das zu erklären, dafür muss ich weiter ausholen, damit werden es hier zwei Teile 😉

Fangen wir an:

Ich bin extrem ungeduldig. Ich weiß nicht, ob das schon immer so war, ob dies durch meine Sucht nach Inhalten gekommen ist. Aber ich bin wirklich ungeduldig. Und das bis in Detail.

Dadurch war ich oft sehr genervt und gestresst.
Das spiegelte sich leider sehr negativ in meinem Alltag wider.
Egal, ob eine rote Ampel oder jemand, der einfach nur vor mir geht.
Ob das Anstehen an einer Schlange im Supermarkt oder das Warten auf etwas Bestelltes aus dem Netz.

Ich stellte in meinem Kopf einen Plan auf, was ich alles als Nächstes machen werde und wehe irgendwas bremste mich aus. Ich klicke irgendwo auf dem Handy oder am PC. Wehe es springt nicht sofort an und ich kann zum nächsten Klick übergehen. Was habe ich schon getobt, nur weil der PC nun 2 Sekunden länger für eine Operation gebraucht hat.

Da kommen dann zwar noch Stress und Multitasking als Sahnehäubchen obendrauf, aber dadurch entstand regelmäßig eben Ungeduld bei mir.

Und jenes Stunde für Stunde, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde.

Am schlimmsten ist war es bei meinen Kindern.
Rückblickend stelle ich echt fest, dass dies regelmäßig ein Problem von mir war, nicht von meinen Kindern.

Dadruch, das ich mittlerweile deutlich entspannter im Kopf bin, merke ich auch – das so langsam die Geduld wieder kommt. Aber ich sie auch jeden Tag aufs neue trainieren muss.

Derzeit höre ich einen Podcast vom Deutschlandfunk, der hilft mir sehr zu entschleunigen.
Achtsam heißt dieser und da gab es auch einen schönen Teil zum Thema Geduld, welcher mich sehr angesprochen hat.

Da gab es dann auch ein Zitat (Minute 4:45), was ich mitgenommen habe in meinen Alltag.

Warum den einen Moment seines Lebens mit Ungeduld hinter sich bringen, um zu einem anderen zu gelangen, der besser scheint?

Ein ähnliches habe ich auch im Netz dazu gefunden:

Geduld ist eine Form von Weisheit, eine Art inneren Wissens, dass sich alles entfaltet, wenn der richtige Moment gekommen ist. Geduldig zu sein heißt, den Gleichmut und die Ausdauer zu haben, um die natürliche Entwicklung der Dinge abwarten zu können und den Dingen die Zeit zu lassen, die sie brauchen. Geduld bedeutet, die zeitliche Dauer eines Prozesses anzuerkennen und zu akzeptieren, dass es nun genau so ist, wie es ist. Man kann die Karotten nicht schneller wachsen machen, indem man an ihnen zieht.

https://www.being-mindful.lu/de/blog/waere-es-doch-endlich-soweit

Was für mich eingangs sehr esoterisch klang, machte mit jedem mal lesen und verstehen etwas mehr Sinn.

Als Beispiel nahm ich mir die Kreuzung, an der ich jeden Tag nach der Arbeit stehe.
Es dauert dort immer so 2~3 Minuten bis man rüberkommt. Manchmal mehr, selten weniger.
Auf dem Weg dahin war ich schon genervt, weil ich weiß dort wieder gleich warten zu müssen.

Über die Zeit hat sich sogar richtig Frust angesammelt.

Dann stehe ich da völlig ungeduldig und warte Auto für Auto, bis ich endlich dran bin. In völliger Hektik und vollkommen genervt.

Mit dem Zitat oben bin ich dann an die Sache ran gegangen. Warum diese Hektik? Um was zu erreichen?
Es ändert sich nichts an dem Zustand hier. Es dauert. Jeden Tag. Immer wieder. Es wird auch nicht besser, wenn ich schon gefrustet da hinfahre und genervt dort stehe.
Und wofür? Dafür das ich dann endlich am nächsten Schritt ankomme, bei dem ich wieder ungeduldig bin?

Jeder Moment ist, wie er ist.
Ich kann mich nun mit dem Stress selber quälen oder ich mache das beste draus.
Nun nutze die Zeit für mich als Pause zur Entspannung.

Dazu fiel mir dann ein, was meine Oma früher als Spruch in Ihrer Küche hängen hatte.

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, dass eine vom anderen zu unterscheiden.

Einen Tag nach dem anderen zu leben,

einen Moment nach dem anderen zu genießen.

Und tatsächlich, jeden Tag wird es besser für mich an der Kreuzung. Und nicht nur dort.

Mit den Kindern funktioniert es deutlich besser und auch mit dem Alltag. Ich merke richtig, ich werde zufriedener und glücklicher.

Dabei habe ich nebenbei etwas geschafft, was mir durch den ganzen Informationskonsum und Ungeduld verloren gegangen ist. Das Zeitgefühl. Bzw. ein besseres Zeitgefühl.

Seit ich nun etwas entspannter und geduldiger bin, seitdem vergeht die gefühlte Zeit auch anders.
An der Kreuzung insbesondere deutlich schneller.

Dazu habe ich auch mal einen interessanten Beitrag gehört:
https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/christiane-stenger-zeit-langsamer-vergehen-lassen

Nun habe ich dadurch diese Woche etwas erreicht, was mit glücklich und stolz macht.

Aber dazu später mehr.