10 Juni 2024

Alterstur(z)sinn

Ich war mit dem Moped auf dem Weg zu einem Freund. Ich fuhr auf deine rote Ampel zu und sah auf dem Gehweg der Kreuzung eine Frau auf dem Boden liegen. Daneben lag ein ebenfalls liegendes Fahrrad.

Dahinter stand ein Mann, der sie gerade von der liegenden Position zur sitzenden aufrichtete und sich zur Stütze dahinter stellte. Kreislauf stabilisieren. Beide waren ca. 70~80 Jahre alt.

Ich fuhr rechts ran und sah einen Fahrradhelm auf dem Boden liegen. Ich fragte, ob ich helfen könne, ich habe auch einen Ersten Hilfe Kasten in meinem Moped.

Dann fiel mir auf, dass da noch ein dritter Mann stand, der sich verabschiedete.

Der Herr, der die Frau stütze, erzählte mir:

Meiner Frau wurde schwindelig und dann ist sie vom Fahrrad gefallen. Als sie wieder aufstehen wollte, ist sie erneut umgekippt.

Ich fragte, ob der Rettungswagen schon gerufen wurde, aber das verneinte er. Sie wolle keinen.

Ich schaute zu ihr hin und mir schien es so, dass sie das in dem Zustand gerade gar nicht entscheiden kann und sollte. Den älteren Mann schaute ich an und sagte ihm das auch.

Ich: Ich denke nicht, dass Ihre Frau das noch entscheiden sollte und kann. Sie ist nicht ohne Grund umgefallen. Zumal sie mir einen geschockten Eindruck macht.

Er: Ja, vielleicht. Aber sie möchte das nicht.

Ich: Ja, aber das hat Ihre Frau jetzt meiner Meinung nach nicht mehr zu entscheiden. Nicht in den Zustand.

Er: Meinen Sie?

Ich: Ja. Ich werde jetzt den Rettungssanitäter rufen und die sollen das Entscheiden. So kann ich sie hier nicht zurücklassen.

Es gibt Dinge, die gehen mich nichts an. Sie sind nicht mein Problem und ich muss mir dieses auch nicht an mich ziehen. Etwas, was ich die letzten 2 Jahre stark lernen musste. Aber einfach zu fahren, wäre für mich unterlassende Hilfeleistung. Die Frau stand meiner Meinung nach unter Schock und er war völlig überfordert.

Im näheren Umkreis meiner Familie gab und gibt es in den vergangenen Monaten immer wieder Fälle, wo die „Kinder“ und verwandte sich durchboxen mussten, damit den Eltern nichts Schlimmeres passiert, weil sie weder zu einem Arzt wollten oder geschweige einen Notarzt.

Ich nahm mein Handy und wählte den Notruf. Im Hintergrund hörte ich, wie der Mann seine Frau fragte, ob das o. k. sei und sie bejahtes es.

Ich kam direkt durch und mit einer richtig strengen und genervten Stimme ging jemand ran:

Telefon: Feuerwehr Köln, wo ist der Ort wo sie Hilfe benötigten?

Ich: Muster Strasse Ecke …….

Telefon: Ecke Musterstrasse 2?

Ich: Ja

Telefon: Da hat schon jemand angerufen, die wollen keine Hilfe.

Ich: Ok. Aber hier liegt eine verletzte Frau, die meiner Meinung nach unter Schock steht und nicht mehr aufstehen kann. Der Mann

Telefon: *unterbricht mich* Aber die wollen keinen Rettungswagen!

Ich: Das mag sein. Das sollten und können die beiden meiner Meinung nach nicht entscheiden, weil die Frau sich nicht bewegen kann. Und mittlerweile wollen sie es aber auch.

Telefon: Gut, dann schicken wir jetzt jemanden los.

Ich: Gut, ich bleibe auch hier stehen.

Telefon: Ok, Guten Tag noch *klick*

Ich weiß nicht, wie sehr einen dieser Job prägt oder ob das eine Grundvoraussetzung ist, so am Telefon drauf zu sein. Aber bei ersterem sollte man dem Mann am Telefon helfen, das zu verarbeiten, was ihn zu einem so unempathischen Menschen hat werden lassen. Vielleicht liegt es auch an unserer Stadt. Egal, ob man bei der Polizei oder einer Amtsstelle anrufen. Die Menschen dort scheinen das Telefonieren zu hassen.

Während ich über das Gespräch nachdachte, weil ich es sehr beklemmend fand, trudelte auch schon der Rettungswagen an. Sie versuchten dann, die Dame auf die Bahre zu tragen, um sie im Wagen zu untersuchen. Sie benötigten ein paar Anläufe, um sie auf die Bahre zu legen, weil sie bei jedem Versuch vor Schmerzen schrie.

Da wusste ich für mich, dass ich richtig entschieden hatte. Das dauerte auch keine 5 Minuten, da fuhr der Krankenwagen mit ihr zum Krankenhaus.

Ich habe dann noch dem Mann geholfen die Fahrräder nach Hause zu schieben (wohnte nur 10 Gehminuten entfernt) und dann ging es für mich wieder weiter zu meinem Freund.

Nun bin ich mit 46 Jahren auch schon alt. Und habe auch keine Mutter und Vater mehr. Aber die Freunde und Verwandten um mich. Dort sind die Eltern dann irgendwo bei 70~90 Jahren angesiedelt. Eine Generation, die oft keinen Arzt will, erst recht keinen Rettungswagen bzw. ins Krankenhaus. Je älter, je sturer. Ich kann, das auch zum Teil verstehen. Sie haben oft Angst, dort falsch behandelt zu werden oder zu sterben.

Auch schämen sie sich, falls da doch nichts war. Diese müssen aus Ihrer gewohnten Umgebung raus. Aber dabei vergessen sie oft das Leid der Menschen um sie herum. Und da hat mancher Freund und Verwandter von mir die letzten Monatne viel lernen müssen. Und ich anscheinend durch das Zuhören auch. Weil sonst hätte ich da so nicht reagiert.

Noch mal, ich maße mich nicht an, über jemanden weg zu entscheiden, wenn es nicht sein muss. Aber so lasse ich keine Menschen zurück. Das verbietet mir mein Ego 😉



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Verfasst Juni 10, 2024 von Heiko in category "Privates

2 COMMENTS :

  1. By Tobias on

    Alles richtig gemacht! Bleib so aufmerksam und ich denke ,dass Deine Hilfe Dir auch auch ein positiven Push gibt.

    Antworten
  2. By Massimo on

    Sehr gut und richtig gemacht so stur zu bleiben.
    Und das mit dem Telefonmenschen, ich frage mich auch immer wie wenig Bock manche Menschen auf ihren Job haben. Warum tun sie sich das nur an?

    Antworten

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